Inkasso statt Führerschein: Schulden zum 18. Geburtstag

Wenn Eltern für ihr Kind zu hohe Sozialleistungen beziehen, kommt am 18. Geburtstag oft das böse Erwachen.
Inkasso statt Führerschein.

Mathilda Hartmann freut sich: Gerade 18 geworden, möchte sie nun den Führerschein machen. Kosten: 1500 Euro. Das Geld dafür hat sie in den letzten drei Jahren gespart: Sämtliche „flachen“ Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke ihrer Großeltern und ihres Patenonkels gingen auf ihr Taschengeldkonto. Zudem trägt Mathilda seit ihrem 14. Lebensjahr Prospekte aus und hat die Einnahmen aus ihrem Schülerinnenjob ebenfalls auf die Seite gelegt. Alles in allem verfügt die junge Frau über rund 1.700 Euro. Das sollte für den heißersehnten Autoführerschein reichen.

Wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag erhält die Abiturientin ein Einschreiben eines Inkassodiensts im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit. Inhalt: Ihre Eltern haben über die Jahre zu viel an Arbeitslosengeld II (Hartz IV) für Mathilda erhalten. Insgesamt handelt es sich um eine Summe von 1247,91 Euro. Mit dem 18. Geburtstag geht diese Rückforderung nun an sie, Mathilda, über.

2020 schuldeten 743.000 Minderjährige dem Staat 274 Millionen Euro. Das entspricht durchschnittlich 368,78 Euro pro Betroffene

Mathilda ist schockiert und ruft die im Brief angegebene Telefonnummer an. Dort erklärt ihr eine freundliche Mitarbeiterin die Sachlage. Ihre Eltern haben für einige Monate eine Überzahlung an Sozialleistungen erhalten. Dass Mathildas Eltern das Geld bereits erhalten und ausgegeben haben während Mathilda noch minderjährig war, spielt in diesem Fall leider keine Rolle, da es sich um „kinderbezogene Leistungen“ handelt. Nach aktueller Rechtslage geht die Haftung für den Rückforderungsanspruch mit dem 18. Geburtstag auf die nun erwachsene Tochter über. Dieses Vorgehen empfinden viele Betroffene und Sozialverbände zwar als ungerecht, entspricht aber dem Gesetz.

Mathilda redet mit ihren Eltern darüber. Vater Gerd war über längere Zeit krank und arbeitslos, die Mutter Petra hatte vor fünf Jahren über sechs Monate keine Anstellung. Die Familie bekam damals Hartz IV. Als Mathildas Mutter eine neue Stelle antrat, meldete sie das zwar der Bundesagentur für Arbeit, allerdings erst nach vier Monaten. Die bis dahin erhaltenen und im Nachhinein zu hohen Sozialleistungen überwies die Mutter nicht zurück. Besonders bitter: Mathilda muss nach aktueller Rechtslage pünktlich zum Geburtstag mit ihrem eigenen Vermögen einstehen. Sprich: Sie muss „ihre“ Schulden von den über Jahre ersparten und erarbeiteten 1700 Euro begleichen.

Mathilda ist kein Einzelfall. Rund 743.000 junge Erwachsen haben 2020 mit dem 18. Geburtstag Schulden von ihren Eltern „geerbt“, Stand April 2021 waren es immerhin noch fast 600.000. Der Begriff „erben“ ist hier allerdings juristisch nicht korrekt. Es handelt sich nicht um eine Erbschaft im eigentlichen Sinn, sondern um einen Übergang der Haftung von den Eltern auf das nun erwachsene Kind.

Allerdings müssen junge Erwachsene nicht für alle Schulden einstehen, die ihre Eltern absichtlich oder unabsichtlich in ihrem Namen verursacht haben. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gibt jungen Erwachsenen Tipps, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

  • Der erste Schritt ist der wichtigste: Die frisch gebackenen 18-Jährigen dürfen Forderungen von Inkassodiensten nicht ignorieren, sondern sie müssen sich mit dem Inkassounternehmen in Verbindung setzten um mehr Information zu den Forderungen zu bekommen. Die jungen Erwachsenen müssen sich ausreichend zu dem Thema informieren (z.B. beim Schuldnerberater) um die nötige Schritte für die Klärung der Situation in die Wege zu leiten.  
  • Die Haftung kann nicht für Schäden beschränkt werden, die der noch Minderjährige vorsätzlich begangen hat, z.B. Geldbußen aus Schwarzfahrten mit dem ÖV oder ungenehmigte Graffiti.

Ihre Mutter ist bestürzt über den Brief und erklärt ihrer Tochter, dass sie die länger zurückliegende Überzahlung verdrängt habe. Sie bietet Mathilda an, die Schulden in mehreren Raten zu übernehmen. Mathilda hat eigentlich ein inniges und offenes Verhältnis zu ihren Eltern, ist aber nun verunsichert. Soll sie das Angebot annehmen? Schließlich weiß die junge Frau, dass ihre Eltern bereits an allen Ecken und Enden sparen müssen und sich kaum etwas gönnen. 

Drei Wochen nachdem Mathilda die Rückforderung von ihrem eigenen Geld zurückbezahlt hat, fragt ihr Klassenkamerad Niklas, wann sie denn nun ihren Führerschein macht. Mathilda ist die Situation sichtlich peinlich, erklärt dann aber ihre Lage. Niklas‘ Vater betreibt die lokale Fahrschule, an der sich Mathilda bereits angemeldet hat. Der Vater hört wiederum von Mathildas Nöten und bietet ihr an, dass sie Fahrstunden und Theorie-Kurs zum halben Preis bekommt. 

Mathilda nimmt das Angebot an. Da sie sich zudem als talentierte Schülerin und Fahrerin erweist, benötigt sie weniger Stunden als gedacht. Summa summarum kommt Mathilda mit Fahrschule und Prüfungsgebühren auf 700 Euro. Die fehlenden 250 Euro teilen sich zur Hälfte Mathildas Mutter und Patenonkel. Fazit: Es war für Mathilda ein steiniger Weg zum Führerschein, doch der stete Mangel an Geld hat in der jungen Frau auch den Ehrgeiz geweckt. Eins ihrer Lebensziele lautet nun: Möglichst niemals Schulden machen.

Tipp für Eltern: Falls Sie befürchten, dass Sie in den vergangenen Jahren für Ihr Kind ein Zuviel an Sozialleistungen erhalten haben, kontaktieren Sie die entsprechende Behörde. Versuchen Sie falls irgendwie möglich die Situation vor dem 18. Geburtstag Ihres Kinds zu klären und gegebenenfalls die Schulden zurückzubezahlen. Erhält Ihr Kind ohne Vorwarnung zum 18. Geburtstag eine Rückforderung vom Inkassounternehmen, wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihr Verhältnis zum Nachwuchs schädigen. Diesen Vertrauensverlust können Sie vielleicht nie mehr ausgleichen.